Ein paar kräftige Worte von Anne-Sophie Mutter

in der Welt am Sonntag

19. Dezember 2004, zur Anregung. Auszüge:

Wir brauchen Kultur, um uns als Menschen mit einer Tradition zu definieren und um uns gleichzeitig abzugrenzen. Mittelfristig führt Kulturlosigkeit zur geistigen Verarmung und langfristig zur Verblödung eines Landes. An der Musik können wir lernen, woher wir kommen und was uns ausmacht. Es ist doch absurd, dass wir unsere Hüften regelmäßig in Fitness-Studios formen, aber nicht mehr bereit sind, unseren Geist in Form zu halten.

Es wundert mich immer wieder, wenn Politiker über Patriotismus reden und dabei hauptsächlich den Wirtschaftsstandort Deutschland meinen: Sie reden von Export, vom Wissenschaftsstandort, von Volkswagen, Mercedes und BMW. Keiner spricht von Bach, Beethoven oder Henze. Auf den ersten Blick ist das ja auch verständlich, weil Musiker keine Patente erfinden, die sich kurzfristig zu Geld machen lassen. Aber wir bieten eine Grundlage, auf der sich ein Nationalgefühl gesund entwickeln könnte. Musik könnte einer der wichtigsten Identifikationsstifter einer Nation sein. Dass sie nicht mehr zur Definitionsmasse der Nation Deutschland gehört, zeigt die armselige geistige Stimmung in unserem Land und macht es angreifbar für hohlen Nationalismus, der sich nicht mehr an klassischen Werten orientiert.

Wir schaffen es auf dem Gebiet der Musik nicht, altersspezifisch auf die Kinder einzugehen. Mit acht Jahren lassen wir sie einen Joghurtbecher mit Steinen füllen und kräftig schütteln. Danach sagen wir: "So, das ist jetzt Musik." Das Dumme ist nur: Es ist keine Musik. Es ist Krach.

Sie können mit jedem Neurologen reden: Die Bewusstseinsfenster sind nur zwischen dem siebenten (dem nullten, Anmerkung Sobirey) und zehnten Lebensjahr geöffnet. Hier werden die musikalischen Grundlagen gelegt, die dazu führen, dass Musikergehirne sich anders entwickeln als andere. Sie verfügen über eine größere Vernetzung der Gehirnhälften. Die drei wichtigen Konstanten, mit denen das Gehirn Wissen aufnimmt sind Haptik, Akustik und Analyse. Alle drei werden durch die Musik entwickelt. Eine frühe musikalische Ausbildung führt also auch dazu, dass man später besser Vokabeln lernen oder komplizierte Zusammenhänge begreifen kann.

Musik ist kein Randfach, sondern eine Grundlage für alle anderen Fächer.

Wenn man die Lehrpläne (der Schulen) liest, hören sie sich meist ganz gut an. Das Problem ist, dass sie nicht praxistauglich sind, weil die einzelnen Schulklassen nicht wirklich aufeinander aufbauen. Besonders bis zum zehnten Lebensjahr wird an deutschen Schulen nicht durch den Lehrplan gesprungen, sondern an ihm vorbeigerasselt. Die Kinder kommen ans Gymnasium und wissen nicht, welche Noten die C-Dur-Tonleiter hat. Dann versucht der Lehrer, seinen Bildungsplan irgendwie am Rande der Illegalität durchzuziehen. Wir brauchen einen einheitlichen, aufeinander aufbauenden und in der Praxis umsetzbaren Lehrplan.

Frage: Ein von Ihnen entwickelter Plan für Kindergärten ist in der Probephase. Was wird dort genau gelernt?

Mutter: Es geht darum, die Kinder im Kindergarten nicht nur unterzubringen, sondern ihre Zeit zu nutzen. Kinder lernen, Kreise auf Notenlinien zu malen, hören die Noten an und erkennen ihre Höhe und die Abstände zueinander. Das sind analytische Grundlagen. Nur mit ihnen kann man Kinder in der ersten Klasse mit kindergemäßen Musikstücken, etwa mit der Oper "Hänsel und Gretel" konfrontieren. Wer keine Noten lesen kann, bleibt ein Musik-Legastheniker.

Frage: Deutsche Lehrer beklagen immer wieder die Konzentrationsfähigkeit ihrer Schüler.

Mutter: Ich glaube, dass Konzentrationsschwächen oft eine Frage der Unterforderung sind. Es geht eben nicht, Bilder von Tieren zu malen, während man sich vom "Karneval der Tiere" berieseln lässt. Das ist, als würde ich mir einen Chagall ansehen und dabei in der Zeitung blättern. Kinder müssen schon in der Vorschule lernen, dass Musik sich selbst genug ist. Sie ist eine in sich abgeschlossene Kunst. Schüler wollen gefordert werden. Dazu müssen sie Noten lesen können. Nirgends kann Konzentration spielerischer gelernt werden als beim gemeinsamen Singen. Ein Erstklässler wird nicht durch Rasseln bei der Stange gehalten. Musik ist wie ein Roman von Thomas Mann: Sie braucht langen Atem. Und den muss man lernen.

Frage: Die Schallplatten-Industrie hat Schnellhörer mit Best-of-Platten als Zielgruppe integriert ...

Mutter: ... und untergräbt dabei ständig die wirkliche Qualität der klassischen Musik: ihren ausdauernden Bogen. Wenn ich den ersten Satz eines Klavierkonzertes von Mozart im Klassik-Radio höre und statt des zweiten danach eine Filmmusik, kriege ich zuviel.

Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit ihrem Kindergarten-Konzept?

Mutter: Die Kinder und die Pädagogen finden es toll. Aber die flächendeckende Umsetzung würde bereits an der musikalischen Ausbildung der Erzieher scheitern. Das wirklich Erschreckende des Versuches ist, dass Eltern die musikalische Erziehung erst auf Platz neun der wichtigen Lehrinhalte gewählt haben. Das zeigt: Wir haben es mit einer Elterngeneration zu tun, die selbst nicht genügend ausgebildet und begeistert ist. Es wird schwerer, auf einem familiären Grundinteresse an Musik aufzubauen.

Frage: Nun haben Sie auch Vorschläge für die erste bis vierte Klasse aufgestellt. Eigentlich müssten Sie bei allen Politikern Zustimmung finden. Woran scheitert die Umsetzung?

Mutter: Es geht, wie meist, um das Geld und das Wollen. Das Geld ist nötig, um Musiklehrer ausreichend zu bezahlen und Kindergärtner auszubilden. Das Wollen ist nötig, um unser Bildungssystem grundlegend in Frage zu stellen. Derzeit stehen wir vor dem Dilemma: Es gibt keinen Nachwuchs mehr, die Orchester werden abgeschafft, und es besteht kein praktisches Schulkonzept. Die Musik in Deutschland ist sowohl in der Masse als auch an der Spitze bedeutungslos. An alldem müssen wir arbeiten. Zuvor sollten wir uns ernsthaft fragen, ob ein Land, das seinen Bürgern keine musikalische Grundausstattung anbietet, ein Land ist, das wir wollen. Diese Frage muss politisch und gesellschaftlich viel eindeutiger beantwortet werden. Dann erst können die Konzepte auch greifen.

Das Gespräch führte Axel Brüggemann

Anne-Sophie Mutter
Anne-Sophie Mutter gehört seit knapp drei Jahrzehnten zu den großen Geigen-Virtuosen unserer Zeit. Die im Badischen Rheinfelden geborene Violinistin begann ihre internationale Karriere 1976 bei den Festspielen in Luzern. Ein Jahr danach trat sie als Solistin bei den Salzburger Pfingstkonzerten unter der Leitung von Herbert von Karajan auf. Seitdem konzertiert Anne-Sophie Mutter in allen bedeutenden Musikzentren Europas, der USA und Asiens. Neben der Aufführung großer traditioneller Werke stellt sie ihrem Publikum immer wieder Repertoire-Neuland vor; Kammermusik und orchestrale Werke stehen gleichberechtigt nebeneinander; und sie nutzt ihre Popularität für Benefizprojekte und die Förderung musikalischen Spitzennachwuchses.

Neben dem großen Mozart-Schwerpunkt stehen die Violinkonzerte von Beethoven und Previn auf ihrem Programm, die sie mit den Philharmonischen Orchestern aus London, Paris und Oslo spielen wird. Ihr Partner am Dirigentenpult: Sir André Previn. Im April 2006 folgte in Basel die Uraufführung des Violinkonzertes "Anthèmes III" von Pierre Boulez – gemeinsam mit dem Komponisten und dem Basler Sinfonieorchester.

Für ihre zahlreichen Plattenaufnahmen erhielt Anne-Sophie Mutter unter anderem den Deutschen Schallplattenpreis, den Record Academy Prize, den Grand Prix du Disque, den Internationalen Schallplattenpreis sowie mehrere Grammys. Die Einspielung des Previn Violinkonzertes sowie der Bernstein Serenade wurde soeben für zwei Grammys nominiert. Im Frühjahr 2005 erschien ihre Aufnahme mit Violinkonzerten von Dutilleux, Bartok und Stravinsky. Die Dutilleux Komposition ist damit erstmals auf Tonträger verfügbar.

Ein besonderes Interesse der Künstlerin gilt der zeitgenössischen Violinliteratur. Witold Lutoslawski, Norbert Moret, Krzysztof Penderecki, Wolfgang Rihm, Henri Dutilleux, Sebastian Currier und Sir André Previn haben ihr Werke gewidmet.

1987 gründete Anne-Sophie Mutter die Rudolf-Eberle-Stiftung, die junge Streicher europaweit fördert. Dieser Stiftung wurde im Herbst 1997 der in München beheimatete Freundeskreis der Anne-Sophie Mutter-Stiftung zur Seite gestellt, der weltweit tätig ist.

Wichtig ist für Anne-Sophie Mutter auch die Arbeit an medizinischen und sozialen Problemen unserer Zeit. Sie unterstützt diese Anliegen durch regelmäßige Benefizkonzerte. So spielte sie beispielsweise im April 2005 in Warschau für die Ludwig van Beethoven Association und im November in Genf für die Foundation Dr. Henri Dubois Ferrière Dinu Lipatti (Leukämie Forschung). Anne-Sophie Mutter ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse, des Bayerischen Verdienstordens und der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Erst kürzlich erhielt sie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Im Januar 2002 wurde Anne-Sophie Mutter mit dem Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst sowie den Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet. Im Juni 2003 wurde ihr vom Bayerischen Staatsmisterium für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Auszeichnung "Pro Meritis Scientiae Et Litterarum" verliehen.


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