Wer Klavier spielt, hat mehr vom Leben

 

Klavierspielen motiviert, beflügelt, begeistert Es befreit aus Zwängen, öffnet Herzen und Sinne für das Schöne und Positive, weckt Freude am Leben. Klavierspielen dient gleichzeitig der Entspannung und Entkrampfung. Es hilft zur Besinnung, Stille, Konzentration und Meditation. Es führt uns in die Tiefen unseres Selbst und vermittelt uns Gelassenheit und Ruhe. Klavierspielen spricht den ganzen Menschen an, bewegt Körper und Seele und regt uns zugleich an, unseren Verstand zu gebrauchen. Klavierspielen vermittelt Eigenschaften und Fähigkeiten, die sinnerfülltes Leben ermöglichen. Dazu gehört das aktive Zuhören und Eingehen auf andere Menschen, das beim Klavierspielen geübt wird. Klavierspielen fördert darüber hinaus die allgemeine Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit, aber auch die soziale Sensibilität und Kreativität. Denn Musik schafft Beziehungen, weil sie selbst ein Beziehungsgefüge von Rhythmen, Tönen, Klängen, Formen, Bewegungsabläufen und Stimmen ist und weil sie auf Vermittlung, auf Kommunikation angewiesen ist.

Das von Komponisten geschaffene Werk muss durch Klavierspielen zum Klingen gebracht werden. Dabei ist es wichtig, in intensive Beziehung zum Werk, seiner Intention, gegebenenfalls zu den Mitmusizierenden, auf die man sensibel hören und deren Impuls man aufgreifen muss, und den Hörern zu treten. Ein besonderes Erlebnis besteht darin, selber Musik am Klavier zu improvisieren und neue Klänge auszuprobieren. Dabei können wir Probleme, die uns belasten, Ängste, die uns bedrücken, von der Seele spielen. Beglückend ist das Klavier-zu-vier-Händen: Das Miteinander-Musizieren, das Aufeinander-Hören, das sich Gegenseitig-Motivieren und -Inspirieren erhöht die Lebensfreude und den Lebensgenuss. Klavierspielen fördert die Beziehungsfähigkeit, weil es darin besteht, die aufeinander folgenden Töne und Klänge in Beziehung zueinander zu setzten und die in den zeitlichen Ablauf aufgelösten musikalischen Tonfolgen, Harmonieverläufe und Formbausteine wieder zu einer Gestalt zusammenzubauen. Ein solches bewusstes Klavierspiel (alleine oder zu zweit) beglückt, bereichert und klingt lang in uns nach. Es schenkt Motivation, Inspiration und zugleich innere Ruhe und Harmonie.

Zur Entspannung Klavier spielen Wer Klavier spielt, erfährt also Antriebsförderung und Entspannung zugleich, denn die Musik und ihre Interpretation verbindet beides miteinander. Das Klavierspielen-zu-vier-Händen oder and zwei Klavieren bietet auch ein Modell für das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft, denn beim gemeinsamen Musizieren entfaltet sich der Einzelne im Beziehungssystem der musikalischen Partnerschaft: Jeder ist für seinen Part voll verantwortlich. Jeder muss ihn gestalten und kann sich dadurch selbst verwirklichen.

Man kann seinen eigenen Klavierpart aber nur in Beziehung zu dem des Mitmusizierenden gestalte und mit Rücksicht auf ihn. Gemeinsames Musizieren stärkt unser Selbstwertgefühl und vermittelt uns gleichzeitig die Erfahrung, nicht allein, sondern Teil eines Ganzen zu sein, einer Gemeinschaft zugehörig und in ihr geborgen. Das Zusammenwirken im Dienst der Realisierung eines Musikwerkes oder einer Improvisation gibt unserem Handeln Sinn und Ziel. Auch darin wird deutlich: Wer Klavier spielt, hat mehr vom Leben, denn sinnerfülltes Leben ist mit gelungener Musik vergleichbar. Musik ist Zeitkunst, sie zeigt uns, wie Zeit sinnvoll gestaltet werden kann. Musik und Leben sind wesensgleich; sie sind gestaltete Zeit. Bewusst und sinnvoll gestaltetes Leben ist Zeitkunst. Für die Musik wie für das Leben gilt: Die wichtigste Zeit ist der Augenblick. In ihm verdichten sich das Leben und die ganze Musik als Teil im Ganzen. Er ist der Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft, genau wie sich die Musik an diesem Schnittpunkt entfaltet. So, wie im Augenblick des Erklingens die ganze Fülle der Musik gegenwärtig ist, so sollten wir auch die Fülle des Lebens im gegenwärtigen Augenblick erleben und ergreifen. Wir sollten ganz hier und jetzt leben, die Gegenwart mit allen Sinnen wahrnehmen, sie intensiv erleben und sie zugleich in Beziehung zur Vergangenheit und zur Zukunft bewusst gestalten.

Vor Freude über die Tasten hüpfen Der Augenblick erhält seine Bedeutung und seinen Sinn aus der Gesamtkomposition der Musik und des Lebens. Sinnerfülltes, gelingendes Leben ist wie gut komponierte Musik. Sie können wir am besten beim Klavierspiel erleben. Wenn wir Klavier spielen, verkörpern wir das Seelische, verleiblichen den Sinn, äußern wir uns Inneres -ganzheitlich und lustbetont. Wir erleben dann etwas von der Freiheit der Vögel, von der Leichtigkeit vieler Tiere. Es gehört zu den schönsten Erlebnissen, mit den Fingern vor Freude über dei Tasten zu hüpfen und sein Glück musikalisch auszudrücken. Dabei entäußern wir uns selbst und sind zugleich ganz lebendig.

Diese Freude am Spiel, am Gestalten, am Improvisieren erhöht nicht nur unsere Lebensqualität, sondern ist zugleich die beste ganzheitliche Vorbeugung gegen Krankheiten. Medizinische Untersuchungen gerade der letzten Zeit haben eindeutig ergeben, dass Musik und Bewegung fit und gesund erhalten. Aktives Musizieren, insbesondere Klavierspielen, macht munter, beugt vor und heilt, denn das Klavierspielen hilft uns, das psychosomatische Gleichgewicht herzustellen.

Klavierspielen ist ein ideales Mittel, um krankmachenden Stress abzubauen. Wie neuere neurophysiologische Untersuchungen zeigen, wirkt sich die Motorik des Klavierspielens positiv auf die vegetativen Funktionen unseres Körpers aus, z. B. auf ihre Funktionen, wie Gedächtnis, Konzentration, Kombinationsvermögen etc.

Bestes Gehirnjogging Gerontologische Untersuchungen belegen, dass das aktive Musizieren, insbesondere das Klavierspielen, die Funktion eines Gehirnjogging gewinnen kann. Dies gilt für junge wie ältere Menschen. Es ist nie zu spät, das Klavierspielen zu erlernen. Verlorengegangene motorische Fähigkeiten können durch gezieltes Üben wiedererlangt werde, was sich gleichzeitig positiv auf die eben genannten Gehirnfunktionen auswirkt. Hierfür gibt es viele Gründe: Ein wichtiger Grund liegt darin, dass wichtige und grundlegende Körperfunktionen des Menschen rhythmisch geprägt und gesteuert sind. Rhythmus prägt unser Leben. Vom rhythmischen System unseres Körpers hängt unser Wohlbefinden uns unsere Gesundheit ab. Das Herz mit seinem symbolträchtigen Rhythmus ist das anschaulichste Beispiel eines rhythmischen Körperorgans. Mit Sauerstoff angereichertes Nährblut wird zentrifugal verströmt und "verbrauchtes" Blut wird gesammelt und aufgefrischt. Durch die Anziehung und Abstoßung des Blutes entsteht ein Kreislauf, dessen Unterbrechung tödlich ist. Steht die "Herzuhr" des Menschen still, ist die Lebenszeit beendet.

Auch das Atmen mit dem Zusammenziehen und der Dehnung der Lunge und dem Pumpen frischen Sauerstoffes ist rhythmisch geprägt. Dieser polare Dauerrhythmus ist zugleich lebenswichtig und seelisch bedeutsam. Atmen bildet die Voraussetzung für Sprechen und Singen.

Geheimnisvollstes Organ des Menschen ist das Gehirn mit seinen zwölf Milliarden Zellen. Seine komplizierte Funktion beruht auf äußerste differenzierten Rhythmus und elektrischen Schwingungen. Die kleinste Veränderung unseres Vorstellungsvermögens, auch Zeitangst und Zeitnot, Traum, Unruhe, oder Beruhigung im Schlaf, finden ihren Niederschlag in einer Veränderung der Rhythmen im Gehirn.

Ungleich viel größer ist die Auswirkung des Klavierspiels auf die Rhythmen Gehirn. Diese wirken sich wiederum auf ungezählte andere Regelsysteme unseres Körpers aus. Wir sind also durch und durch rhythmisch organisiert und gesteuert. Deshalb vermag das Klavierspielen diese Körperfunktionen positiv zu beeinflussen. Also: Wer Klavierspielen spielt, hat nicht nur mehr vom Leben, sondert tut etwas für seine Gesundheit und sein Wohlbefinden: Wer Klavier spielt, bleibt fit und gesund.

Prof. Hermann Rauhe schrieb diesen Artikel für das Buch "Faszination Klavier", das im Prestel Verlag erschien.
Prof. Hermann Rauhe - Vita: Studium der Musikwissenschaft, Musikpädagogik (Klavier, Komposition, Dirigieren), Literatur -und Erziehungswissenschaft sowie der Philosophie, Soziologie, Theologie und Phonetik in Hamburg, Promotion im Hauptfach Musikwissenschaft. 1965 Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und 1970 Ordinarius für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Musikpädagogik an der Universität Hamburg, Präsident der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Präsident, Vorsitzender und Mitglied im Kuratorium zahlreicher deutscher Musikorganisationen sowie Jurymitglied bei verschiedenen Wettbewerben. Umfangreiche Veröffentlichungen zur Musikgeschichte, zur Musikpädagogik, zum Klavierspielen sowie zur Populären Musik.


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